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Tipps Schreien

Praktische Tipps: Vom Umgang mit schreienden Kindern

Wenn auf Bali ein Baby viel schreit, so wird angenommen, dass es damit gegen einen nicht pasenden Namen protestiert. Namen können nämlich zu "schwer" oder zu "leicht" sein und so ein Ungleichgewicht in der kindlichen Seele schaffen. Ein traditioneller Heiler kann dem Kind helfen, indem er für das Kind ein neuen Namen auswählt.
Für diejenigen die über diese Art der "Behandlung" des Schreiens schmunzeln: ein Kind einen neuen Namen zu geben ist nicht weniger irrational als keine kohlensäurehaltigen Getränke mehr zu trinken, auf Vollkornbrot zu verzichten oder dem Baby entschäumende und angeblich antblähende Medikamente wie Sab simplex, Lefax oder irgendwelche Kügelchen zu geben! Denn auch wenn wir es nicht so gerne wahrhaben wollen - vieles von dem, was Eltern gegen das Schreien ihrer Babys unternehmen, ist komplett wirkungslos.

  • Abstillen ist keine Lösung, denn es ist nicht die Muttermilch, die Koliken verursacht.
  • Auch das Wechseln der Säuglingsmilch bringt nichts - nach ein paar Tagen ist wieder alles beim Alten.
  • Das gilt ebenso für die "hypoallergenen" oder hydrolysierten Säuglingsnahrungen - nach modernen wissenschaftlichen Standards ist ihre Wirksamkeit gegen das Schreien nicht erwiesen.
  • Auch die hektoliterweise in die Mägen der Babys geträufelten Entschäumungstropfenbringen nichts (ob das neuere probiotische Präparat BiGaia besser wirkt, ist noch offen - immerhin gibt es erste ermutigende Ergebnisse).
  • Eine spezielle Untersuchung auf Allergien ist nur angezeigt, wenn gleichzeitig ungewöhnliche Zeichen bestehen wie Durchfölle, eine Blutarmut, ungewöhnliches Erbrechen oder ein gestörtes Gedeihen.
  • Eine craniosacrale oder osteopatihische Therapie istunnötig - sie bringt allenfalls einen Plazebo-Effekt.

Was wirkt dann?

Anstatt ihren Babys Allergien, eine verrenkte Schädelbasis oder andere Störungen oder Krankheiten zu unterstellen, ist schreiendes Babys schon viel geholfen, wenn Eltern eben dies nicht tun. Denn das Schreien geht mit dem dritten oder vierten Monat in fast allen Fällen von selbst zurück - die einmal aus Verzweiflung geschaffene "Diagnose aber bleibt haften, und sei es bei den Großeltern, Tanten oder Nachbarn. Und ein Kind, das seine Eltern lange genug als "schwierig" betrachten, wird schwierig. Wenn der Scheispuk vorbei ist, bleibt den Eltern dann oft ein Kind, das ihnen besonders verletzlich erscheind - kein leichter Start in ein Leben, für das Kinder ihre Kräfte gut gebrauchen können.
Kommen wir also zu Strategien, die sich auch in wissenschaftlichen Studien als wirksam erwiesen haben:
Wer ein zu früh geborenes Kind hat, kann ihm durch viel Körperkontakt und Zuwendung helfen, besser mit seiner Unruhe klarzukommen.
Körperliche Nähe wirkt aber auch bei reifgeborenen Babys vorbeugend. Ein Baby am Körper zu tragen, anstatt es in den Kinderwagen zu legen, scheint den kleinen Menschen insgesamt ruhiger zu machen.
Zigarettenrauch zu vermeiden ist auch im Hinblick auf Schreien sinnvoll - es gibt nämlich Hinweise darauf, dass Nikotin die Krampfbereitschaft des Darms födert.
Und sinnvoll ist es immer, das Dorf mit einzubeziehen - gemeint ist das "Dorf", das es nach dem bekannten afrikanischen Sprichwort braucht, um ein Kind großzuziehen, also Freunde, Helfer, Verwandte und Menschen, die den Eltern sonstwie wohlgesonnen sind. Wer ein vieschreiendes Kind hat, der braucht vor allem in den Abendstunden Hilfe - die muss organisiert, zusammengetrommelt, mit Schokolade, Wein oder dem Versprechen des ewigen Lebens ins Haus gelocht werden. Nur so können TEltern sicherstellen, dass sie das Licht am Ende des (drei Monate langen) Tunnels überhaupt noch als Menschen erleben.
Ob "Pucken" gegen das Schreien viel hilft, ist umstritten. Besonders in den nördlichen Ländern war das stramme Einwickeln in Tücher schon immer Teil der ganz normalen Babypflege. In manchen Studien scheint Pucken in den ersten Lebensmonaten die Kinder tatsächlich etwas zu ruhiger zu machen, die Reaktionder Babys sind aber sehr unterschiedlich: Manche bevorzugen das leichte Zudecken, andere schreien eindeutig weniger, wenn sie gepuckt wurden. Gegen ein Ausprobieren spricht nichts, wenn es in Maßen geschieht - Babys brauchen nun einmal auch ihre Bewegungsfreiheit, um ihr Körpergefühl entwickeln zu können
Auch Babys insgesamt häufiger anzulegen könnte vorbeugend wirken - zumindest gibt es Hinweise dafür, dass das häufige Anlegen die Babys insgesamt ruhiger macht.
Eine neue verbeugende Möglichkeit könnten für nicht gestillte Kinder die "präbiotischen" Säuglingsnahrungen sein, also eine Säuglingsmilch, der bestimmte, die Darmflora fördernde Bestandteile (Präbiotika), wie etwa Inulin, zugemischt sind. Vielleicht sorgt eine gesunde Darmflora dafür, dass der Darm insgesamt weniger reizbar ist. Erste Versuche zeigen jedenfalls günstige Effekte, erlauben jedoch noch längst keine generelle Empfehlung.
Und was ist mit den "entblähenden" und "entspannenden" Tees und Massageölen, auf die viele Mütter schwören, also Fenchel, Anis, Kümmel, Kamile & Co? Hierzu lassen sich überraschend wenige Forschungsergebnisse finden. In einem Doppelblindversuch mit einem aus Fenchel, Melisse und Kamille bestehenden Extrakt war aber eine positive Wirkung auf das Schreien zu verzeichnen, sodass die pflanzlichen Helfer schon ein Verusch wert sein dürfen.

Der Kolik - Notfall

In England war im 19. Jahrhundert gegen Koliken das "gripe water" beliebt - eine Mischung aus Dillöl, Natron und Alkohol. Es ist anzunehmen, dass das ganz gut gewirkt hat, wenn auch vielleicht auf Kosten von ein paar Hirnzellen. Und das "Buch der Mütter", ein ENde des vorletzten Jahrhunderts viel gelesener Elternratgeber, rät sogar zur Gewalt: "Besondersaber hüte man sich (zur Nachtzeit) selbst bei dem ärgsten Geschrei vor dem Herumtragen und lasse mit voller Gemütsruhe das Kind ausschreien. Tührt das Geschrei vom bloßen Eigensinn her, so darf man schon von dem vierten Monat an zu einem ernsteren Mittel vorschreiten und dem Kleinen einen Klaps auf den Hinterteil geben; oft genügt es auch, ihm im strengen ToneRuhe zu gebieten und es auf eine andere Seite zu legen."
Heute, wo solche rachsüchtigen und gemeinen Abkürzungen zu Rechtverpönt sind, müssen sich Eltern mühsam durch Versuch und Irrtum an eine Strategie herantasten, die bei ihrem Kindt funktrioniert.
Wenn Babys unter Koliken leiden, so kann es sinnvoll sein, ihnen einmal die Burst zu geben. Wenn sie jetz aber nur kurz und hektisch trinken, dürfte häufiges Stillen oder gar "Abfüllen" nicht die richtige Strategie sein. Manche Babys lassen sich dann eher durch einen Schnuller beruhigen.
Manche Babys wollen fest am Körper getragen werden, oder sie werden ruhiger, wenn sie gepuckt werden. Andere mögen es eher leicht, etwa im "Fliegergriff". Auch "weißes Rauschen" durch Flüstern, Zischen oder einen laufenden Föhn bzw Staubsauger kan as eine oder andere schreiende Kind beruigen - diese Strategie hilft dem baby, andere Reizquellen auszublenden und kann es dadurch beruhigen.
Rhytmen können beruhigend wirken, etwa der Geh-Rhytmus, der sich auf das Kind überträgt - kein Wunder, dass manche Mütter mit ihrem Baby im Tragetuch in den Kolikstunden spazieren gehen. Auch das leichte Klopfen auf den Rücken, etwa in Herzschlagfrequenz, (80- bis 140-mal pro Minute, also etwa zweimal pro Sekunde), soll auf manche Babys beruhigend wirken. Das übertriebene Schaukeln im Kinderwagen oder Gehopse auf den Gummiball dagegen macht viele Babys eher hektisch und bringt nur kurzfristige Ruhe.
Manchmal sind sich Eltern gar nicht sicher, ob ihr Baby ein Vielschreier ist oder ob sich nur die Schreiminuten für die eigenen Ohren endlos hinziehen. In einem solchen Fall kann ein Schreitagebuch Klarheit bringen - die Eltern schreiben die genauen Uhrzeiten, wann ihr Baby schreit, auf, und besprechen sich dann z.B. mit dem Kinderarzt.
Koliken treffen Eltern mitten in ihrem Selbstverständnis. Ihre wichtigste Aufgabe ist ja, ihr Baby zu füttern, zu schützen und zu beruhigen! Gelingt dies nicht, so fühlen sie sich schnell als Versager - und damit droht das ganze "System Familie" unter Selbstvorwürfen und Selbstzweifel zusammenzubrechen. Zum Glück können sich Eltern, die nichtmehr aus und ein wissen, heute auch an spezielle Beratungsstellen wenden. In solchen Schreisprechstunden arbeiten Kinderkrankenschwestern, Hebammen oder Kinderärzte, die sich mit dem Thema "Schreien" gut auskennen - mit ihrem WIssen können sie den Eltern den Rücken stärken und ihnen bei Bedarf helfen, die Kommunikation mit dem Baby neu zu "ordnen".
Und immer stehen Eltern vor der Herausforderung, ihre Wut auf das schreiende Bündel zu zähmen, die auch beim besten Willen hochkocken kann. Es ist besser ein schreiendes Baby abzulegen und aus dem Zimmer zu gehen, als sich bis zum Äußersten zu verausgaben und das Baby womöglich zu schütteln (weil Babys ihren Kopf noch nicht gut halten können, kann dies zu schweren Gehirnblutungen führen).

Quelle: Buch "Kinder verstehen" von Herbert Renz-Polster

Abendliche Schreiattacken

Jeden Abend um fünf geht es los. Finn weint, schreit, windet sich. Lässt sich kurz an der Brust beruhigen, aber dann geht es weiter. Also Tragetuch. Oder Fliegergriff. Manchmal auch der Hüpfball. Gegen halb acht ist dann der Spuk vorbei. Finn schläft.
Was ist da los? "Finn schreit abends, weil er Bachweh hat", erklärt seine Mutter Mona. "Er zeiht die Beine an, kriegt einen haten Bauch und pupst. Deshlab hilft ihm das Tragen und Schunkeln: So wird sein Bauch gewärmt und massiert." Dreimonatskoliken nennt man dieses Phänomen - drei Monate deshalb, weil nach dem ersten Vierteljahr das abendliche Schreien bei fast allen Babys nachlässt.

Woran es nicht liegt
"Das viele das ausgeprägte Schreien auf Bauchkoliken zurückführen, ist verständlich, wenn man sieht, wie sich der säugling beim Schreien zusammenkrümmt und wie sein Bauch gebläht ist", sagt der Schweizer Kinderarzt Remo Largo. "Doch eine organische Ursache im Bereich des Darms konnte noch nicht gefunden werden." Auch der Verhaltensbiologe Dr. Joachim Bensel, seit Jahren mit dem Schreiverhalten im Säuglingslater befasst, stellt klar: " Der Begriff Dreimonatskoliken stammt aus den Anfängen der Schreiforschung. Heute wissen wir, dass die Diagnose "Verdauungsprobleme" in 95 Prozent der Fälle falsch ist."
Immerhin konnten die vielen Studien zum Thema mittlerweile nachweisen, was alles keinen Einfluss hat: Ob ein Kind zum abendlichen Schreistunden neigt, hat nichts damit zu tun, ob

  • es gestillt wird oder die Flasche bekommt,
  • es ein Junge oder ein Mädchen ist,
  • es unerfahrene Eltern hat,
  • sie stillende Mutter blähende Gemüse wie Zwiebeln und Brokkoli zu sich nicht.
Ebenso wenig konnte elterlicher Stress, der sich aufs Baby überträgt, als Ursache entlarvt werden. Zwar sind Eltern von Babys, die abends viel schreien gestresst - aber erst nachdem das Schreien angefangen hat. AUch die Theorie, Babys protestieren gegen zu wenig Nähe, hält nicht stand. Zwar schreien Kinder, die viel getragen werden und bei ihren Müttern schlafen dürfen, weniger als andere. Aber ausgerechnet beim Abendschreien konnte kein Unterschied festgestellt werden.

Bleiben noch einige Theorien, die bislang weder bewiesen noch widerlegt werden konnten:

Die Melantin-Theorie
Das Hormon Melatin, das mit Seratonin für das Einpendeln des Schlaf-Wach-Rhytmus verantwortlich ist, ist bei Neugeborenen kaum vorhanden. EIne höhere Melatonin-Konzentration hilft beim Durchschlafen und entspannt die Darmmuskulatur. Der Kinderarzt Marc Weissbluth vertritt die These, Melatonin-Mangel sei die Ursache der Schrei-Attacken - die mit drei Monaten aufhören, wenn der Melantonin-Spiegel bei Babys stark ansteigt. Ein möglicher Beleg: Melantonin wird unter Einfluss von Sonnenlicht gebildet. Babys, die in äquatornähe leben, leiden seltener unter abendlichen Schreiattacken.

Die Überfüllungs-Theorie
Babys werden hierzulande meist in Abständen von zwei oder drei Stunden gestillt. In den heißen äquatornachen Regionen, in denen das exzessive Säuglingsschreien weniger vorkommt als bei uns, trinken die Kleinen alle paar Minuten an der Brust, dafür immer nur winzige Mengen. Möglich, dass dieses Trinkverhalten dem menschlichen Darm eher entspricht, als sich den Bauch vollzuschlagen. Die 200ml Stillmahlzeit eines Babys kommt nämlich dem Verzehr von vier Litern Milch bei einem Erwachsenen gleich! Möglich, dass diese Maxi-Portionen Schmerzen verursachen - ein Beweis dafür steht aber aus.

Das viere Schwangerschaftsdrittel
Wenn Menschenbabys zur Welt kommen, sind sie nicht ind er Lage, sich selsbt zu versorgen oder zu schützen. Dies ist der Preis, den wir für unsere Gehirnentwicklung bezahlen: Um mit dem Kopf noch durch den Geburtskonal zu passen, müssen Babys den Mutterleib verlassen, bevor sie ausgereift sind. Der amerikanische Kinderarzt Harvey Karp plädiert deshalb dafür, die ersten drei Monate als viertes Schwangerschaftstrimester zu begreifen - als eine Zeit, in der die Babys noch nicht ganz fertig sind für die Welt, sondern sich nach den Bedingungen im Mutterleib zurücksehnen. Und deshalb, überreizt und überfordert von den Eindrücken des Tages abends schreien.

Was hilft denn jetz?
Zunächst einmal die beruhigende Erkenntnis: Es liegt nicht an der Milch. Abstillen ist ebenso wenig notwendig wie eine rakikale Stilldiät. Zwar kommt es in seltenen Fällen vor, dass Babys durch die Muttermilch auf Lebensmittel wie etwa Kuhmilch allergisch reagieren - bevor Eltern jedoch auf eigene Faust mit Ernährungsumstellungen herumprobieren, sollten ein Kinderarzt klären, ob tatsächlich eine Allergie vorliegt.
Zweite Erkenntnis: Wenn es für das Schreien keine organische Ursache gibt, braucht das Babyauch keine Medikamente. Windsalben, Kümmelzäpfchen und entblähende Säfte empfehlen Kinderärzte und Heammen oft nur, damit die Eltern das Gefühl haben, irgendwas für ihr Kind tun zu können.

Zum Schluss wendet sich das Blatt noch mal. "Es könnte ja sein", sagt Remo Largo, "dass der aufgetriebene Bauch nicht die Ursache, aber die Folge des Schreiens ist." Und Kinderarzt Herbert Renz-Polster meint: Es könnte doch sein, dass die Babys beim "normalen" Weinen Luft schlucken, was dann zu dem heftigeren Kolikschreien fürht. Oder der Darm könnte bei manchen Kindern empfindlicher auf die Reize des Babyalltags, etwa auf die Kombination von Müdigkeit und Hunger, reagieren."

Worin sich aber alle einig sind: Schreiende Babys brauchen Trost. Tragen beruhigt sie, und Wiegen, auch Nuckeln. Halten wir also fest: Gegen Abendgeschrei hilft, was gegen Bauchweh hilft: Rhythmus, Nähe und Wärme. Mona muss nicht wissen, was Finn genau plagt. Wenn sie mit ihm umgeht, als hätte er Bauchweh, tut sie intuitiv das Richtige. Selbst wenn es ihn gerade eher an der Seele zwickt als am Bauch.

Quelle: ELTERN Spezial